2018, Heft 4: Ökumene und Freikirchen

Aufsätze

  • Bernd Oberdorfer: Erneuerung und Abgrenzung. Die Reformation als Öffnungs- und Schließungsgeschehen → English Summary
  • Siegfried Großmann: Ökumene als Teilhabe. Wie wir die Vielfalt des Volkes Gottes zurückgewinnen können → English Summary

Predigtwerkstatt

  • Lars Linder: „Ach du meine Güte!“ Predigt über Titus 2,11+12
  • Kommentar zur Predigt von Lars Linder (Christina Döring)

Zum Inhalt

Ökumene ist mehr als nur der Dialog zwischen den großen traditionellen Volkskirchen. Die Freikirchen haben keinen Grund, sich schmollend in eine Ecke zurückzuziehen. Im deutschsprachigen Raum mögen sie eine Minderheit in der kirchlichen Landschaft darstellen. Auf weltweiter Ebene allerdings finden sich die freikirchlichen Denominationen stark vertreten.
Dabei mag es in ihren Anfängen vielfach um Abgrenzung von den vorherrschenden Staatskirchen gegangen sein, schon bald allerdings waren sie engagiert dabei, konfessionsübergreifende Netzwerke zu bilden. So sind auch Freikirchen ihrer Besonderheit und Stärke im Engagement sowie auch ihrer Begrenztheit bewusst. In ihrem Bemühen, nicht nur das Miteinander der Christen (z.B. in der Evangelischen Allianz), sondern auch das der Kirchen (z.B. in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) zu stärken, kommen sie dem Gebet Jesu um die Einheit seiner Jünger (Joh 17, 20-21) nach und erfahren darin auch Glaubensstärkung und Weitung ihres Horizonts. In den Aufsätzen dieses Heftes beleuchten die Autoren jeweils aus landeskirchlicher und aus freikirchlicher Perspektive den mühevollen, aber lohnenswerten Weg der multilateralen Ökumene, im Bewusstsein, dass das, was die Kirchen unterscheidet, seine Gründe hat und diese Unterschiedlichkeiten die Ökumene auch bereichern.
Prof. Dr. BERND OBERDORFER, Ordinarius für Systematische Theologie am Institut für Evangelische Theologie an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, erläutert in seinem Aufsatz, inwiefern die Reformation ein öffnendes und gleichzeitig ein abgrenzendes Geschehen war. Er thematisiert dabei auch das Verhalten der obrigkeitlichen Kirchen gegenüber den Täufern im 16. Jahrhundert und schlägt von daher Wege des Dialogs, pendelt zwischen dem Bewusstsein der eigenen Identität und der Offenheit für den Anderen, vor.
Dem folgt ein Aufsatz von SIEGFRIED GROSSMANN, ehemaliger Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und jetzt Pastor im Ruhestand, den das ökumenische Miteinander über Jahrzehnte stark beschäftigt hat. Unter der Überschrift „Ökumene als Teilhabe“ skizziert er einen Weg, auf dem sich alle Kirchen, und besonders die Freikirchen, selbstbewusst einbringen und doch aufeinander hören können, und macht Vorschläge, wie man auch in bisher strittigen Fragen in ein konstruktives Gespräch kommen kann.
Im Blick auf das kommende Weihnachtsfest liegt der Predigtwerkstatt eine Weihnachtspredigt von LARS LINDER, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Essen-Mitte über Titus 2,11-12 zugrunde. Kommentiert wird die Predigt von CHRISTINA DÖHRING, Pastorin der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Siegburg.
Michael Kißkalt (Schriftleitung)

Summaries

Bernd Oberdorfer: Erneuerung und Abgrenzung. Die Reformation als Öffnungs- und Schließungsgeschehen: The Reformation has often been understood as a way of freedom. Processes of exclusion, e. g. against the Anabaptists at the time of the Reformation contradict this understanding. Luther saw the Reformation as an liberation from ecclesiastical principles of exclusion and as a liberation of the Gospel through making the bible accessible to all. This resulted in a diversity of doctrinal views, against which Luther reacted by excluding differing opinions. For this and for political reasons the Anabaptists were persecuted. The Reformation has remained incomplete in so far as it effectuated a splitting-up of Protestantism as well as binding itself to the secular world, which has remained until today. For thinkers who are contemplating a new alignment and purpose for the protestant church, conversations with the Baptists and other free churches are important.

Siegfried Großmann: Ökumene als Teilhabe. Wie wir die Vielfalt des Volkes Gottes zurückgewinnen können: Ecumenical Christianity is usually understood in the German sphere as being bilateral, that is, the fellowship between the Roman Catholic and the protestant national churches. Ecumenical Christianity must also be multilateral, because evangelical and Pentecostal denominations bring their own emphases on the mode of salvation and prioritize different constitutive elements of being church. This coming together is necessary on all levels, from the local congregation to the whole denomination. The aim is not one church in structural unity, but rather unity in variety and reconciled diversity. A further model is the ecumenism of the Spirit as a bond of love and spirituality. The realisation of ecumenical Christianity as fellowship requires clarification of questions concerning the essence of being a Christian, baptism and church. This remains an ongoing challenge for ecumenical Christianity.